Angst als Geschenk

Weihnachten steht vor der Tür.  In diesem Jahr wird auch die Weihnachtszeit speziell. Für manche noch spezieller als gewöhnlich. Für andere vielleicht auch Angst einflößend, mit der Vorstellung an ein ungewöhnlichen Fest. Im folgenden Beitrag möchte ich darauf eingehen, dass Angst zum Leben gehört und wie wir sie sinnvoll in unser Leben einbinden.

Also, keine Angst vor den folgenden Zeilen.

2020, das „Corona Jahr“ mit Regeln, Vorschriften, Mahnungen, Klopapiermangel, Einblicke in Virologie und Wissenschaft, eng mit Politik verbunden und zum Ende ein (hoffentlich der) Höhepunkt mit unsagbaren Verschwörungstheorien und anmaßenden Vergleichen zum Nazitum und der Judenverfolgung.

Wann wieder die gewohnte Normalität im Alltag zurückkehrt, ist unvorhersehbar und steht bisweilen noch in den Sternen. Diese Ungewissheit ist in unserer Gesellschaft spürbar und Verunsicherung breitet sich weiter und weiter aus.

Verunsicherung macht uns allen zu schaffen - manchen mehr, manchen weniger. Damit verbunden ist ein außerordentlicher Aufwand für Gehirn und Körper, also psychisch und physisch. Ein Mehraufwand, um den lieb gewonnenen und gewohnten Lebensraum zu erhalten. Wir Menschen fühlen uns wohl, wenn wir uns auf in der Zukunft liegende Ereignisse einstellen können. Erinnere dich an die skurrile Situation in deinem Supermarkt, als du plötzlich vor leeren Regalen standest, wo sich unsere Alltagsprodukte sonst selbstverständlich und üppig stapeln. Das war für viele von uns ein erschreckender Stressmoment.

Ein solcher Moment führt zu Gedanken der Ungewissheit und diese lösen spürbar Angst aus. Wir befürchten, dass gewohnte und normale Denk- und Handlungsweisen zukünftig vielleicht nicht mehr funktionieren werden und erahnen überraschende Veränderung. Veränderungen im Außen zwingen uns, bisher bekannte Strategien an die neuen Gegebenheiten unserer Umwelt anzupassen.

Corona ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie ein unerwartetes Ereignis uns regelrecht überfällt und unser bequemes, vorhersehbares und planbares Leben vom einen auf den anderen Tag raubt. Doch auch vor und mit Corona wird es immer wieder Situationen und Ereignisse geben, in denen wir uns unwohl fühlen und Angst uns begleitet. Gespräche, in denen uns von unserem Umfeld Zweifel eingesät werden und Ängste wecken - sicher kennst du Aussagen wie: „Bist du dir sicher, dass du das tun willst?“ oder „Was ist, wenn das nicht klappt?“ oder „Kannst du das überhaupt?“ oder „Was ist, wenn es schief geht“ oder „Wenn du Dies machst, wird sicher Jenes passieren.“ oder „Ich glaube das wirst du irgendwann bereuen!“ oder, oder, oder.

Angst als Signal für Veränderung.
Angst entsteht als eine Art eindringliche Mahnung, die uns eine ungünstige Lage signalisiert aus der wir unbedingt raus müssen, um im besten Fall eine Ausgangslage zu gestalten, in der wir uns wieder gut und sicher fühlen. Weil wir uns in der Angst unwohl fühlen und in uns eine Inkohärenz herrscht, möchten wir so schnell es geht wieder zurück in die Kohärenz. In den Zustand, in dem wir gefühlt alles im Griff haben. Als schnellen und einfachen Lösungsweg fangen wir häufig zunächst an, bestimmte Umstände zu verzerren, zu leugnen, uns abzulenken oder zu verdrängen. Zum Beispiel, in dem wir anderen die Schuld geben, Verschwörungstheorien entwicklen, in künstliche Onlinewelten abtauchen, Alkohol trinken, andere Drogen einnehmen oder versuchen, uns mit vielerlei Dingen zufrieden zu kaufen.

Wir sind mit dem Lösungsversuch beschäftigt, die Kontrolle zurück zu erlangen und der Angst zu entkommen. Dabei glauben wir, dass wir unsere Umwelt und Mitmenschen kontrollieren könnten. Gregory Bateson* sagte einmal: „Die Natur lässt sich nicht ändern, außer wenn man sich ihr fügt.“  Soll heißen: Das Leben ist Natur und wir sind Teil dieser Natur. Das Leben trägt ganz natürlich Ängste und Unsicherheiten in sich. Indem wir anerkennen das wir Menschen Teil dieser Natur sind und somit auch Teil dieser Ängste, können wir sie zulassen und als wichtiges Signal annehmen. Dann gelangen wir in einen Zustand, der im Einklang mit unserer menschlichen Natur ist und erkennen Angst als Geschenk.

Wenn wir eine missliche Lage leugnen, versuchen ihr zu entfliehen oder uns davon lähmen lassen, werden wir nie feststellen was nach der Angst kommt. Doch wir haben die Chance uns der Angst zu stellen und zu erkennen, wozu sie tatsächlich dient. Wir könnten die Angst als Signal von uns selbst, an uns selbst verstehen. 
Probleme und Herausforderungen dienen uns. Sie dienen als Zeichen für unsere Lebendigkeit. Ohne Angst würden wir nicht lernen. Zum Beispiel, dass wir uns geirrt haben, oder ein anderer Weg vielleicht geeigneter gewesen wäre, oder etwas im Moment nicht passt.

Wenn wir anerkennen was ist, brauchen wir keinen Regenschirm und wir müssen auch nicht zwischen Regentropfen die trockenen Freiräume finden. Wir duschen einfach unter Wolken und wenn wir nass sind, werden wir auch wieder trocken - auf unterschiedliche Arten: von alleine, mit Hilfe von Wärme, durch Wind und manchmal ist ein Kleiderwechsel nötig, um trocken zu werden.

Was wir brauchen, ist Vertrauen.
Vertrauen hemmt angstauslösende Prozesse. Wir haben in unserer Gesellschaft nicht mehr Angst als sonst, uns gehen nur die Vertrauensressourcen aus. Der Hirnforscher Gerald Hüther* symbolisiert diese Vertrauensressourcen als einen Dreibeinigen Hocker, bestehend aus:

  • Vertrauen in die eigene Kompetenzen: Selbstvertrauen („Ich kann das.“)
  • Vertrauen das es jemanden gibt, der uns hilft: Verbundenheit (historisch, kulturell bilden wir uns ein, dass wir Einzelkämpfer sind - stimmt überhaupt nicht!)
  • Vertrauen, dass es gut wird: Zuversicht wird uns schon im jüngsten Kindesalter zugesprochen. In Form von Märchen als Metapher für unser Leben: Zuerst ist alles gut, dann passiert etwas unerwartetes (Zauber, Fügung) und danach wird wieder alles gut. Das vermittelt uns eine Lebensmelodie: Es gibt Probleme im Leben, aber es wird auch wieder gut.

Vertrauen und Annehmen bedeutet nicht alles hinzunehmen, nichts mehr zu hinterfragen oder kritisch und rebellisch zu sein. Es bedeutet vielmehr eine Aufforderung zur Bewusstwerdung. Wenn wir uns bewusst über uns selbst sind, also über unser Denken und Fühlen, kommen wir in ein bewussteres Handeln. Sind wir über uns selbst bewusst, können wir jede durch Angst begleitete Herausforderung als Geschenk für unsere Entwicklung annehmen. Denn es bedeutet, wir haben ein Geschenk in Form eines Signals für eine wichtige Veränderung bekommen und das dient uns zur Entfaltung.

Ich schenke dir folgende Fragen für mehr Klarheit über das "Geschenk", das dir inne wohnt:  

  • Woran bist du bisher am meisten in deinem Leben gewachsen?
  • Wie war dein Leben vor der letzten schwierigen Situation? Währenddessen? Und danach? — Möchtest du das Ergebnis aus dieser Erfahrungen rückblickend missen?
  • Wer bist du heute dank dieser Herausforderung?

Liebe Leserin und lieber Leser, ich wünsche dir eine besinnliche Vorweihnachtszeit, ein außergewöhnliches Weihnachtsfest und einen riesig lauten Knall zum Jahresabschluss!

Deine Jacqueline 

 

Wichtig: Natürliche Angst ist nicht zu verwechseln mit Angststörungen. Falls dir deine Ängste über den Kopf wachsen, hol dir bitte Hilfe.

 

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Hilfreiche Quelle: sinnes wandel: youtube.com/watch?v=A2VLe4qzTqI
* Prof. Dr. Dr. Gerald Hüther ist ein deutscher Neurobiologe und Autor populärwissenschaftlicher Bücher und anderer Schriften. -Wikipedia
*Gregory Bateson war ein angloamerikanischer Anthropologe, Biologe, Sozialwissenschaftler, Kybernetiker und Philosoph. Seine Arbeitsgebiete umfassten anthropologische Studien, das Feld der Kommunikationstheorie und Lerntheorie, genauso wie Fragen der Erkenntnistheorie, Naturphilosophie, Ökologie oder der Linguistik. -Wikipedia

 

Jacqueline Roemmele Coaching
Heilbronn