Verwicklung - Entwicklung - Entfaltung

November 2020

Wir Menschen haben Bedürfnisse. Bedürfnisse sind definiert als Erleben eines Mangels, verbunden mit dem Wunsch diesen zu beheben. Als alltägliches Beispiel: "Mich interessiert ein Thema und habe dazu noch keine Informationsquelle (Mangel). Mein Wunsch ist ein Buch, damit ich mich dazu informieren kann." 
Unsere unterschiedlichen Bedürfnisse entstehen also, wenn sich in uns etwas noch nicht entfaltet hat, es aber unbedingt möchte.

Weil wir Menschen in vorgegebene Strukturen oder Systeme der Welt hineingeboren werden, sind wir gezwungen uns in diese bestehenden Strukturen hinein zu entfalten. Strukturen wie Familie, Kindergarten, Schule, Ausbildung, Studium, Beruf etc. 
Doch anstatt uns zu entfalten, laufen wir Gefahr uns zu verwickeln.
Wir verwickeln uns, weil die vorgegebenen und vorgelebten Strukturen nicht zu dem, was wir wollen oder brauchen passen. Also uns nicht entsprechen.

 - Verwickelt kann man sich nicht entfalten - 

Wie genau kommt es zur Verwicklung?

Unser Gehirn organisiert sich von selbst und es folgt dabei dem Grundprinzip des geringsten Widerstands. Es ist ein Energiesparfuchs und versucht sich so zu organisieren, damit es mit einem geringen Aufwand stabil bleibt.
Am wenigsten Energie verbraucht das Gehirn, wenn alles im Leben glatt läuft. Das wird Kohärenz genannt: Hier passt alles zusammen, das Hier und Heute, die Vergangenheit, Erwartungen sind erfüllt, ein gutes Bewältigungsgefühl ist wahrnehmbar. Wir verstehen, was im Leben passiert. Wir haben das Gefühl Anforderungen bewerkstelligen zu können und das ganze macht für uns sogar Sinn. (Die 100% Kohärenz gibt es nie, außer beim Tod, da stimmt alles.)

Im Leben gibt es immer Störungen, sei es eine aufwühlende Nachricht eines Freundes oder es wird mal wieder über Aufstände und damit verbundene Ungerechtigkeiten berichtet. 
Bei solchen Störungen verbraucht das Gehirn mehr Energie und das ist zum Beispiel bei Stress deutlich spürbar. Bei Stress schwitzen wir zum Beispiel mehr, oder unser Herz schlägt schneller.

Daraufhin muss das Gehirn aktiv werden, um den Energieverbrauch wieder zu reduzieren und deshalb findet es selbstorganisatorisch Lösungen. Wenn wir es geschafft haben aus einer Störung, also einem energieaufwendigen Zustand, mit eigener Kraft in einen störungsfreien Zustand zu kommen, wird Energie frei. Diese freigewordene Energie wird im Mittelhirn genutzt, um Zellgruppen zu aktivieren. Diese Zellgruppen setzen Botenstoffe frei, die ähnlich funktionieren wie Dünger bei Pflanzen. Das fördert die entwickelte Lösungsstrategie zu stabilisieren. So kommt es zu Verwicklungen.

Ein Beispiel: Ein Kind kommt in die Welt hinein und bringt ganz natürliche Entdeckungsfreude und Gestaltungslust mit. Es entfaltet sich immer mehr in seine lebensnotwendige Umwelt hinein. Bis irgendwann eine Bezugsperson sagt, wie es gemacht werden muss - „wie es sich gehört“. Es wird vorgegeben nicht DAS, sondern DIES oder JENES zu entdecken. 
Das führt bei Menschen zur Verwirrung und so zu Inkohärenz. Jetzt braucht es schnell eine Lösung. Und die Lösung des geringsten Widerstands besteht darin, dass unser Gehirn die natürliche Entdeckungsfreude und Gestaltungslust hemmt. Je häufiger wir erfahren, dass wir unsere Entdeckungsfreude und Gestaltungslust nicht ausleben dürfen, desto mehr wird die schnelle Lösungsstrategie „Hemmung“ von unserem Gehirn gefestigt.

Durch die wichtigen Beziehungen zu unseren Bezugspersonen, und deren Eingriff in unser ursprüngliches Sein, verwickeln wir uns selbst immer mehr. Wir passen uns unserem Umfeld mit schnell funktionierenden Lösungen an und verhindern gleichzeitig unsere weitere Entfaltung, durch die Unterdrückung unserer natürlichen Entdeckungsfreude und Gestaltungslust.

In der Therapie oder im Coaching wird das Selbst-rettungs-mechanismus genannt (Coping).
So entfernen wir uns vom Subjekt (selbstgestalterischen Individuum) und werden zum Objekt (hierarchisch gesteuerte Bevormundung) von anderen.

Wir haben z. B. im Bezug auf Lernen oder Arbeiten eine ungünstige innere Einstellung/Haltung, als Ergebnis unserer erlebten Erfahrungen entwickelt. Erfahrungen, die unsere natürliche Freude am Gestalten und Entdecken unterdrückt und die Entfaltung unseres angeborenen Potenzials verhindern. Daraus resultiert eine Haltung, die heißen könnte: „ich habe keine Lust auf Schule“, „Arbeit ist Mist“, „ich gehe nur arbeiten, weil ich Geld verdienen muss“, usw.

Wie können wir uns wieder entwickeln und entfalten?
Wie kommen wir wieder in Schwung? Wie kann ein Zustand erzeugt werden, indem wir wieder etwas aus eigenem Antrieb wollen?

Was nicht funktioniert ist, sich von Mitmenschen sagen zu lassen was zu tun ist, damit es anders wird. Das wäre genau das selbe Muster, welches die eigene Verwicklung erst verursacht hat. Nämlich in dem durch hierarchische Strukturen vorgegeben wird, was wir zu tun oder zu lassen haben damit es „richtig“ wird. Wir brauchen keine Trainingsprogramme, Belehrung, Belohnung oder Bestrafungen, weil es immer dazu führt, dass das Gegenüber zum Objekt gemacht wird.
Oder es mit den Worten von Albert Einstein zu sagen: Ein Problem kann nicht auf der selben Ebene gelöst werden, auf der es entstanden ist.

Was wir brauchen, sind Gelegenheiten, in denen Menschen erleben, das sie wieder selbst gestalten und Freude am entdecken haben dürfen. Dafür braucht es Einladungen, Ermutigungen und Inspiration. Dazu kann niemand gezwungen werden, aber es braucht offene Angebote.
Es geht nicht darum einen anderen zu verändern, sondern darum, in einem anderen etwas auszulösen - und das heisst: Berührung.
In Berührung mit sich selbst kommen, um in sich den Anteil wieder zu entdecken, den es schon seit unserer Geburt gibt und verwickelt war. Wenn wieder Kontakt zu diesem Anteil besteht, ist das eine neue Erfahrung und daraus kann eine neue Haltung erwachsen. Dann ist lernen, arbeiten oder das Leben an ein anderes positives Gefühl gekoppelt, an das Gefühl der natürlichen und freiwilligen Entfaltung.

Für diese Berührung braucht es Räume. Diese müssen geschaffen werden, durch andere Menschen. So entsteht eine neue Form der Begegnung, die zu Entwicklung und schließlich zu Entfaltung einlädt. 
Es muss jemand da sein, der sich auf uns einlässt, uns anschaut, uns ernst nimmt, unser verborgenes Potenzial bereit ist zu sehen. Jemand der uns einlädt, ermutigt und inspiriert, damit wir uns auf eine neue Erfahrung einlassen. Auf eine günstige Erfahrung, aus der wieder eine neue Haltung wachsen kann.

Diese Menschen gibt es. Wir sind eingeladen, wachsam durch unsere Leben zu gehen und dabei den passenden Mensch dafür finden.

Quelle: Gerald Hühner Keynote Wiedererweckung von Internationalität und Co-Kreativität. März.2019

 

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Jacqueline Roemmele Coaching
Heilbronn